Schulmedizin und der bildgebende Beweis
Seit Jahrtausenden existieren Theoriemodelle, die Aufschluss über die Ursachen von Krankheiten geben sollen. Die traditionelle chinesische Medizin (TCM) beschäftigt sich beispielsweise seit über zweitausend Jahren mit dem Menschen als Teil des Kosmos. Die chinesische Medizin ist nicht explizit auf den Körper bezogenen, sondern vielmehr ein Hilfsmittel, um energetische Ungleichgewichte wieder zu harmonisieren.
Therapieanwendungen wie Akupunktur sowie Qi Gong und Tai Chi haben sich in der westlichen Welt mittlerweile fest etabliert. Die Wurzeln der traditionellen indischen Heilkunst „Ayurveda“ liegen noch länger zurück und sind über dreitausend Jahre alt. Wie die TCM hat Ayurveda einen ganzheitlichen Ansatz und schließt in ihrer Betrachtung physische, psychische, emotionale und spirituelle Bereiche mit ein. In den hippokratischen Schriften, einer beachtlichen Sammlung von über sechzig antiken medizinischen Texten, finden sich Hinweise auf indische Heilmittel und medizinische Rezepturen, die darauf hindeuten, dass Ayurveda auch im Griechenland der Antike nicht unbekannt und ohne Einfluss war.
Wir alle, Ärztinnen und Patienten, Ärzte und Patientinnen wurden seit Generationen überwiegend durch die Schulmedizin geprägt. Und diese uns vertraute Schulmedizin in Deutschland wird durch das sogenannte biomedizinische Krankheitsmodell bestimmt. Das dem wiederum zugrundeliegende Krankheitsverständnis entwickelte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Zuge der zunehmenden Bedeutung der öffentlichen Gesundheit und als Ergebnis naturwissenschaftlicher Denkansätze. Das biomedizinische Krankheitsmodell vergleicht den menschlichen Körper mit einer Maschine, dessen Funktionsstörungen analysiert und behoben werden können. Körperliche Beschwerden werden durch physiologische Defekte, also die Krankheit, erklärt. Die Ursachen dieser Defekte sind im biomedizinischen Krankheitsmodell begrenzt. Es kommt darauf an, den Defekt zügig zu erkennen und zu beheben. Diese Sichtweise bestimmt auch, ob ein Patient als krank oder gesund bezeichnet wird. Denn als krank gilt nur jemand, wenn anatomische oder physiologische Veränderungen nachgewiesen werden können. Es findet hier demnach eine Objektivierung des Patienten statt, der ihn als handelndes Subjekt in seiner Individualität schlichtweg ignoriert.
Die medizinische Behandlung hat zum Ziel den Schaden zu reparieren. Dieses Krankheitsverständnis hat in vielen Bereichen zu großen medizinischen Fortschritten geführt, beispielsweise bei der Behandlung von Infektionskrankheiten. Betrachten wir aber die Entwicklung der Gesellschaft im 20. Jahrhundert und im beginnenden 21. Jahrhundert ist eine alleinige Orientierung am biomedizinisches Krankheitsmodell nicht mehr zeitgemäß. Bereits vor über vierzig Jahren wurde Kritik daran laut. Der amerikanische Psychiater George L. Engel stellte dem gängigen Modell das biopsychosoziale Krankheitsmodell gegenüber, das neben physischen auch psychosoziale Aspekte in die Behandlung miteinbezieht. Forschungsergebnisse belegen, dass psychische und soziale Einflüsse bei der Entstehung und im Verlauf von Krankheiten von Bedeutung sind. Das betrifft gleichermaßen die Diagnose und die Behandlung von Krankheiten. Die Wahrnehmung von Symptomen, das Schmerzerleben und das Folgeleisten von ärztlichen Anordnungen werden entscheidend von psychischen und sozialen Faktoren beeinflusst.
Eine Studie aus dem Jahr 2017 belegt, dass aber nach wie vor das biomedizinische Krankheitsmodell bei Ärzten weit verbreitet ist und auf der anderen Seite ebenso bei Patienten, die Ärzte vielfach als schnelle „Reparaturdienstleister“ verstehen. Das hat damit zu tun, dass sich das biomedizinische Krankheitsmodell über die Jahrzehnte als etabliert hat und medizinische Erfolge sowie neueste Techniken die Erwartungshaltung der Patienten immens anwachsen ließen. Warum es allerdings auf medizinischer Seite, auch vierzig Jahre nach der Erweiterung durch das biopsychosoziale Krankheitsmodell, noch keine erkennbare Anpassung an die gesellschaftlichen Veränderungen gegeben hat, ist mir ein Rätsel. Für unzählige Patienten mit chronischen Rückenerkrankungen ist es längst überfällig, dass zu diesem Thema nicht nur medizinische Diskurse geführt werden, sondern eine Veränderung der medizinischen Sichtweise um psychosoziale Aspekte in die Praxis generell Einzug hält. Zum Wohle der Patienten und auch zur Entlastung des Gesundheitssystems.
Die Patienten, die von Ärzten ganz selbstverständlich erwarten, dass sie einen gesund machen, also den Schaden beheben, haben bei Rückenerkrankungen den starken Wunsch nach einer medizintechnisch-untermauerten Diagnose. Ärzte veranlassen häufig bereits zu Beginn einer Rückenbehandlung ein bildgebendes Verfahren wie Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) zur Diagnostik und das kann irreführend sein, wenn er die Patientin nicht eingehend untersucht und nach ihren momentanen Lebensumständen befragt. Aber nach dem biomedizinischen Krankheitsmodell ist das ja richtig so, man sieht den Schaden entweder oder man sieht ihn nicht, also ist der Patient gesund. Was für eine fatale Schlussfolgerung, wenn man bedenkt, dass unspezifische Rückenerkrankungen weder auf einem Röntgen- noch auf einem MRT-Bild erkennbar sind! Aber auch diejenigen Patienten, und ich zähle mich dazu, die zu einem ganzheitlichen Krankheitsmodell neigen, werden dazu verleitet, den sichtbaren Fakten auf einem MRT-Bild zu glauben. Unabhängig davon, ob diese nun mit den akuten Schmerzen tatsächlich zu tun haben oder nicht. Es ist immer einfacher davon auszugehen, dass etwas durch Fehlhaltung, Überlastung oder zum Beispiel einen Unfall physisch in Mitleidenschaft gezogen wurde als den unbequemeren Weg zu gehen und sich zu fragen, was im eigenen Leben gerade eigentlich nicht in Ordnung ist. So funktioniert der Mensch, weil das Gehirn aus dem Überlebensinstinkt heraus auf Vermeidung programmiert ist.
Mir selbst ging es so, obwohl ich daran glaube, dass Krankheiten immer in einem seelischen Zusammenhang stehen. Bei meinem Bandscheibenvorfall 2002 war ich bei meiner Hausärztin in Behandlung, die mich mit Schmerzmitteln versorgte, zum Röntgen schickte und mir neben Massagen auch Schonung verschrieb. Auf einem Röntgenbild der Wirbelsäule kann man einen Bandscheibenvorfall allerdings überhaupt nicht erkennen. Man kann lediglich die knöchernen Strukturen der Wirbelsäule beurteilen, einzelne Nervenwurzeln und Bandscheiben werden durch das Röntgenverfahren nicht sichtbar. Das machte ich mir damals nicht bewusst und sie erwähnte es auch mit keinem Wort. Sie sagte eigentlich überhaupt nicht viel und ich fragte auch nicht, was im Nachhinein ein Fehler war. Ich nahm einen Tablettencocktail aus Tramadoltropfen, Ibuprofen, Ortoton und einem neuen Schmerzmedikament, Vioxx, das sie extra aus ihrem Medizinschrank holte. Vioxx wurde 2004 vom Markt genommen, weil es allein in den USA bei bis zu 140.000 Menschen schwere Herz-, Kreislaufleiden in Form von Infarkten und Schlaganfällen ausgelöst hatte. Es kam in Folge zu zahlreichen Todesfällen. Was für ein Wahnsinn! Über Wochen blieb mein Schmerzzustand unverändert schlimm. Aufgrund meiner negativen Erfahrungen, fragte ich auch nicht nach einer Überweisung zu einem Orthopäden. Ein MRT-Bild wurde erst kurz vor dem operativen Eingriff 7 Monate später gemacht. Bei diesem Bandscheibenvorfall ist bei mir damals so richtig viel schiefgelaufen. Zuletzt, zwischen 2016-2018, musste ich im Schnitt 3-4 Wochen auf Termine in radiologischen Praxen warten.
Da sich meine Beschwerden zu der Zeit über die ganze Wirbelsäule ausweiteten, wurden Aufnahmen der gesamten Wirbelsäule veranlasst. Ich musste auf die drei Einzeltermine zu lange warten, das war sehr belastend für mich und endete in einer Not-OP an der Lendenwirbelsäule.
Die Studie von 2017 untermauert, dass Ärztinnen und Ärzte in Deutschland zu schnell und zu oft ein bildgebendes Verfahren in der „Röhre“ empfehlen. Nun ist die Ursache vieler Rückenschmerzen aber häufig muskulär bedingt, Stichwort „unspezifische Rückenschmerzen“, das heißt, die verhärtete, verklebte Muskulatur führt zu Bewegungseinschränkungen und löst starke Schmerzen aus. In diesem Fall nützt ein MRT nichts, sondern allein eine gute physiotherapeutische Betreuung, Bewegung, evtl. Schmerzmedikamente und die Auseinandersetzung mit sich selbst. Wenn in der Phase bis zum MRT-Termin von Ärzten auch noch zur Ruhe geraten wird, was schlicht falsch ist, vergeht kostbare Zeit, die man mit gezielten, fachlich angeleiteten Übungen verbringen könnte.
Es lohnt sich zudem immer, Rückenschmerzen als Symptom für eine seelische Unstimmigkeit zu betrachten! Wenn Du Dir ganz sachlich und vielleicht in einem stillen Moment die Frage stellst, was dazu geführt haben könnte, dass es Dir so geht wie es Dir jetzt geht, wirst Du die Antwort früher oder später bekommen und Du hast die Chance, Dein Verhalten sofort zu ändern! Das gibt doch Hoffnung.
Das biomedizinische Krankheitsmodell ist aber eben nicht nur bei Patienten, sondern, wie vorab beschrieben, auch bei Ärzten nach wie vor weit verbreitet. Besonders problematisch ist, dass Ärzte häufig zur Schonung und vorschnell zu OPs raten. Kann man doch, nach dem biomedizinischen Krankheitsmodell, durch die Operation, die sichtbare Ursache der Erkrankung effektiv beseitigen. Soweit so gut, wenn es sich 1. auch um die tatsächlich nachweisbare physische Ursache handelt und wenn 2. der Patient die Ursachenforschung auf psychosozialer Ebene nicht außen vorlässt.
Was passiert aber nun eigentlich in der Röhre? Beim MRT werden dreidimensionale Bilder erzeugt, die Gewebe, Nervenwurzeln, Organe und Gelenke mit Hilfe von Magnetfeldern und Radiowellen darstellen können. Das heißt, man sieht ausgetretene Bandscheiben, Narbengewebe etc. aus verschiedenen Perspektiven. Auf meinen drei MRT-Bildern der Halswirbelsäule, der Brustwirbelsäule und der Lendenwirbelsäule sah man auch Bandscheibenvorwölbungen und -vorfälle, die akut nicht für meine Probleme verantwortlich waren. Degenerative Veränderungen müssen keine Beschwerden verursachen. Das bedeutet, und das ist ganz wichtig, ein Schmerz muss nicht zwangsläufig aus einem Gewebeschaden entstehen. Deutlich machen das MRT-Ergebnisse von Menschen, die keinerlei Beschwerden haben. Gemäß einer Studie haben 60 % der 50-Jährigen Bandscheibenvorwölbungen und 38 % dieser Altersgruppe Bandscheibenvorfälle an der Lendenwirbelsäule, ohne die geringsten Schmerzen zu verspüren. Diese wie ich finde interessanten Ergebnisse liegen auch für die Halswirbelsäule, die Schultern, Knie etc. vor. Zusammengefasst heißt das: Bildgebende Verfahrenen in der Diagnostik sind großartig, wenn sie sinnvoll eingesetzt werden. Sie können aber auch zu Fehlinterpretationen führen, wenn der schmerzphysiologische Gesamtzusammenhang nicht hinreichend erklärt wird und der Mensch wie im biomedizinischen Modell verankert, als Maschine betrachtet wird.
Quellen
Biomedizinisches Krankheitsmodell/Biopsychosoziales Krankheitsmodell:
Engel, G.L. 1977. The need for a new model: a challenge for biomedicine.
https://www.aerzteblatt.de/archiv/186746/Krankheitsmodell-fuer-die-Versorgung-im-21-Jahrhundert-Psychosoziales-Umfeld-einbeziehen
https://www.bzga.de/
Bildegebende Verfahren und Rücken-OPs:
https://faktencheck-gesundheit.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Studie_VV_FC_Ruecken_Befragung.pdf
https://faktencheck-gesundheit.de/de/faktenchecks/faktencheck-ruecken/ergebnis-ueberblick-rueckenoperationen/
https://faktencheck-gesundheit.de/de/faktenchecks/faktencheck-ruecken/ergebnis-ueberblick-arztbesuche-und-bildgebung/index.html
MRT-Ergebnisse bei Menschen ohne Beschwerden:
Brinjikji et al. Am J Neuroradiol (2015)