Depression als Begleiterkrankung

Ein chronisch gewordener Schmerz, davon spricht man ab drei bis sechs Monaten dauerhafter Schmerzbelastung, setzt den Körper unter enormen Stress. Der ständige Schmerzzustand führt zu einer permanenten Ausschüttung des Stresshormons Cortisol. Zudem sind Schmerzpatienten in einem Zustand erhöhter Anspannung und haben häufig Ängste. Man bewegt sich deutlich geringer, hat weniger soziale Kontakte und nimmt kaum noch am gesellschaftlichen Leben teil. All das begünstigt das Auftreten einer Depression. Depressionsauslösend können auch die Medikamente sein, die Schmerzpatienten oft über Monate in hohen Dosen einnehmen müssen. Opioide, Muskelrelaxanzien und andere Schmerzmittel können depressive Verstimmungen verursachen. Depressionen und chronische Schmerzzustände treten oft begleitend auf. In der Wissensdatenbank der Deutschen Depressionsliga steht zu lesen, dass „im Vergleich mit der gesunden Bevölkerung Patienten mit chronischen Schmerzen ein etwa dreifach erhöhtes Risiko haben, an Depressionen zu erkranken. Beispielsweise entwickeln etwa 65 Prozent aller Patienten mit chronischen Rückenschmerzen und etwa 25 Prozent aller Migränepatienten im Laufe ihres Lebens eine Depression.“

Das Problem ist, dass eine begleitende Depression bei Rückenpatienten oft zu lange unbehandelt bleibt, da man sich wahrscheinlich zunächst nicht als depressiv empfindet. Man schiebt die Stimmungstiefs auf den körperlichen Schmerzzustand, die damit verbundenen veränderten Lebensumstände und ist sich nicht darüber im Klaren, dass sich hier eine waschechte Depression anbahnt. Wenn das aber bei 65 Prozent der chronischen Rückenpatienten wahrscheinlich ist, frage ich mich, warum Ärzte einen nicht darauf hinweisen? Mir wurde erst bei meiner Aufnahmeuntersuchung in der Reha so richtig bewusst, dass ich unter einer Depression litt. Diese hatte sich im Grunde von Behandlungsbeginn an entwickelt. Auch wenn ich zunächst noch das Gefühl hatte, Kontrolle über mein Leben zu haben. Ich spürte noch ein wenig Energie, konnte meinen Alltag mit Schmerzen strukturieren, machte Pläne für die Zukunft, eignete mir Wissen über die Krankheit an. Das war unbewusst der Versuch, meiner depressiven Stimmung entgegenzuwirken. Überwiegend fühlte ich mich aber absolut freudlos. Als ich vor der dritten OP stand, gab ich innerlich auf. Ich hatte keine Kraft mehr, ich verstand nicht, was vor sich ging, ich fühlte mich als wandelnde Belastung für meine Partnerin, eingesperrt in unserer Wohnung, bewegungslos, abgestumpft, und antriebslos. Mein einziges Ziel war die erlösende OP. Weiter konnte und wollte ich nicht denken, zum ersten Mal in meinem Leben. Ich versuchte noch zu meditieren, um ein wenig in Kontakt mit mir zu kommen, aber es fiel mir wahnsinnig schwer. Ich dachte, dass ich akzeptierte, was passiert ist. Das war jedoch ein Irrtum. Ich gab mich einfach geschlagen. Und ich ahnte diesmal, Ärzte sagten es mir auch sehr deutlich, dass es danach nicht so schnell wieder bergauf gehen würde. In den ersten Tagen nach der Operation fühlte ich mich erst besser, ich hatte es überstanden. Aber schon bald verfinsterte sich meine Stimmung erneut. Ich fühlte mich enorm verletzlich, hatte starke Post-OP-Schmerzen und wollte eigentlich nur raus. Aus der Situation, aus der Wohnung, aus meinem Leben. Bis zur Reha drei Monate nach der OP schleppte ich mich durch die Tage. In der Reha ging es bergauf, ich hatte psychologische Unterstützung und arbeitete sehr intensiv an meiner Genesung. Die Psychologin attestierte mir eine depressive Störung und empfahl mir eine Psychotherapie, so stand es dann auch im Abschlussbericht meiner Reha. Ich wollte eine Therapie machen, die Umstände ließen es aber nicht zu. Obwohl, ganz ehrlich, ich ließ es nicht zu. Ich wollte nach Frankreich, allein. Nur bei dem Gedanken an den Ort, an dem ich sein wollte hatte ich ein gutes Gefühl, ein eindeutiges Gefühl.

Normalerweise bin ich ein Typ, der gerne viel Verantwortung übernimmt und beherzt Entscheidungen trifft. Das alles ging jetzt nur für mich, ich musste weg. Darüber hinaus wusste ich nichts. Das irritierte vor allem mein Umfeld. Das Jahr, das nun folgte, war schmerzhaft, lehrreich und heilsam. Ich war auf dem Tiefpunkt meiner Depression, obwohl es doch eigentlich hätte bergauf gehen sollen. Ich war dort, wo ich sein wollte und wünschte mir trotzdem morgens den Abend herbei. Ich hielt mich nicht aus, hatte noch mit Schmerzen und Beeinträchtigungen zu tun, schlief schlecht und das negative Gedankenkarussell hatte mich fest im Griff. Ich holte mir psychologische Hilfe via Internet. Schuldgefühle, Selbstzerfleischung und die Tatsache, dass meine körperliche Heilung auch nur sehr langsam voranschritt, machten mich apathisch, schwach und hielten mich über viele Monate in der Depression. Zum Glück gab es in diesem Jahr auch Phasen, in denen ich meine alte Energie und Kraft spürte. Dann wurde ich in Haus und Garten aktiv, lernte Französisch und versuchte mich durch Sachbücher oder andere Impulse aufzurichten. Interessant war, dass ich in der ganzen Zeit keinen einzigen Roman oder eine Erzählung lesen konnte, obwohl lesen für mich überaus wichtig ist. Genauso verhielt es sich mit Musik, es dudelte den ganzen Tag das Radio, aber bewusst Musik zu hören, war nicht möglich, obwohl es zu meinen liebsten Beschäftigungen gehört.

Eines habe ich in dem wirklich schweren Jahr nach der OP allerdings täglich gemacht: Ich habe beharrlich daran gearbeitet, dass die Heilung gelingt, ich irgendwann schmerzfrei oder zumindest etwas ähnliches werde und sich alles zum Besseren wendet. Wie ich das auf körperlicher Ebene geschafft habe, werde ich in der nächsten Podcast-Folge näher berichten. Auf seelischer Ebene war es ein längerer Weg. Ich habe zwischendurch den Glauben an eine schmerzfreie Zukunft verloren. Zwei Jahre nach der letzten OP, fühlte ich mich endlich wieder bei mir angekommen und richtig gut. Die Auseinandersetzung mit mir, meinen immer wiederkehrenden Negativschleifen im Kopf, war extrem wichtig für mich. Ich habe nur über den Verstand funktioniert und meine innere Stimme nicht mehr wahrgenommen. Ich wusste, dass mir Meditation helfen würde, war aber lange nicht bereit, mich auf mich selbst einzulassen. Ich hatte Angst davor, glaube ich, und das völlig unbegründet. Als es mir körperlich allmählich besser ging, kam auch mein Selbstbewusstsein langsam zurück und bot meinen abwertenden Gedanken Paroli. Von da an änderte sich alles, nach und nach. Ich verstand irgendwann, dass es nicht ausreicht, zu wissen oder zu wollen. Es muss einem bewusst werden und man muss mit ganzem Herzen daran glauben, gesund zu werden und Leichtigkeit im Leben zurückzugewinnen. Als ich in diesem Moment war, zog ich die richtigen Impulse an, las und hörte Wertvolles, das mich voranbrachte. Ich haderte bis dahin damit, dass ich noch nicht verstanden hatte, worum es gerade ging in meinem Leben. Ich musste diese Erfahrung alleine machen, um daran zu wachsen und jetzt bin ich dankbar dafür. Mein Weg ist vielleicht nicht für jeden nachahmenswert, zu individuell sind die persönlichen Leidenswege und Geschichten.

Aber eines kann man aus meiner Depressionszeit sicher lernen: Gedanken allein bringen keine Veränderung, sondern nur Taten.

Quellen

Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de 
https://www.deutsche-depressionshilfe.de/
https://www.depressionsliga.de/