Der kaputte Rücken oder was Sprache mit unserer Seele macht

Nur zu oft hört man beim Orthopäden Aussagen, die einen wie einen Schlag ins Gesicht treffen. Der Rücken sei „kaputt“ oder „verschlissen“ gehört  zu den Sätzen, die man als Patient:in erstmal sacken lassen muss. Was Ärzte mit einer so direkten und schonungslosen Sprache in einem Schmerzpatienten auslösen, ist ihnen sicherlich nicht bewusst.

Die Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt zudem, dass Ärzte solche drastischen Aussagen umso häufiger treffen, je älter die Patienten sind oder je niedriger deren Bildungsniveau. Ich lasse das jetzt mal unkommentiert. Wenn der Ärzte dann auch noch zur Ruhe im Behandlungsverlauf mahnen, kann der/die, durch seine Schmerzproblematik ohnehin psychisch angeschlagene Patient:in, dem kaum etwas entgegensetzen und verfällt in Lethargie.

Sprache kann enorm demotivierend und sogar depressionsauslösend wirken.
Ich habe Ärzte erlebt, die mir ungefiltert und drastisch ihre Aussagen entgegenschleuderten und mir auch noch das Gefühl vermitteln wollten, dass sie es mit ihrer Direktheit gut mit mir meinen. Das ist unsensibel und höchst bedenklich. Gemäß einer weiteren medizinischen Studie zum Thema bekamen 37 Prozent der befragten Patienten die unqualifizierte und therapiehemmende Mitteilung, ihr Rücken sei „kaputt“. Durch das Formulieren derartiger Sätze vollzieht der Arzt eine Handlung, er sendet eine Botschaft und greift damit in das Leben des Patienten ein. Mich haben solche Sätze niedergeschmettert. In diesem Sinnzusammenhang war „kaputt“ für mich gleichbedeutend mit „irreparabel“. Es hat mich viel Kraft gekostet, aus der daraus entstandenen Negativschleife meiner Gedanken wieder herauszukommen. Wenn man Sätze oft genug hört, dringen sie in das Unterbewusstsein, verankern sich dort und sind nur mit viel Mühe wieder aufzulösen. Das gilt für positive Aussagen genauso wie für negative. Plötzlich werden Sätze wie „mein Rücken ist kaputt“ zu den eigenen Glaubenssätzen, ohne, dass man das eigentlich beabsichtigt hat. Mir ist es so ergangen. Ich habe selbst drastische Formulierungen geäußert, um meinen seelischen Schmerzen Ausdruck zu verleihen. Mir fiel gar nicht mehr auf, dass diese Aussagen ursprünglich von Ärzten kamen! Ich sagte sinngemäß sowas wie „ich bin nach und nach kaputtgegangen“ oder „mein Rücken ist völlig im Eimer, alles kaputt“. Es schmerzte mich jedes Mal, wenn ich es sagte, aber es schien mir paradoxerweise in dem Moment auch zu helfen. Wie jemand, der sich selbst verletzt. Dass es mir half, war natürlich ein Irrtum, ich war schon zu tief in meiner depressiven Verstimmung als das ich das hätte richtig deuten können. Was mir jetzt im Nachhinein bewusst wird, ist, dass mein Satz „ich bin nach und nach kaputtgegangen“ für ein Gefühl des Versagens stand. Im sogenannten Goldberg-Test, einem Multiple Choice-Selbsttest zum Thema Depression ist eine vorgegebene Antwort: „Ich habe das Gefühl, ein Versager zu sein.“ Jetzt weiß ich, dass es bei mir genauso war. Daran war natürlich nicht allein die unbedachte Formulierung eines Arztes  Schuld, aber dennoch kann eine solche Mitteilung „Dein Rücken ist kaputt!“ in einem physisch kranken Menschen, der dadurch auch psychisch belastet ist, einen Stein in Richtung Depression ins Rollen bringen.

Sprache kann verletzen, Worte können einen treffen wie ein Schlag ins Gesicht. Die Wortbedeutung von „kaputt“ ist: zerbrochen, zerrissen, zerstört, funktionslos. Eine andere Deutung gibt es für „kaputt“ nicht. Die Verwendung dieses Wortes im medizinischen Kontext hat eine gravierende und nachhaltige Wirkung auf den Betroffenen. Sprache, die Wahl! unserer Worte, löst immer eine Reaktion aus. Alfred Korzybski prägte den Begriff semantische Reaktion, der besagt, dass eine Wechselwirkung zwischen Sprache, Gehirn und Körper besteht. Wir deuten das Gehörte in unser subjektiven Wahrnehmung und lösen damit Gefühle wie Angst, Wut oder Schuld aus, die sich körperlich in Form von Stressreaktionen bemerkbar machen. Unsere eigene Sprache kann diese Reaktionen bei uns selbst auch verursachen. Mein destruktiver entmutigender Ausspruch “Ich bin nach und nach kaputtgegangen“ hat Stressreaktionen in meinem Körper ausgelöst, die meine Depression verstärkt haben. Sprache sagt sehr viel über uns aus. Über unser Selbstwertgefühl, den Respekt den wir anderen Menschen zollen oder die Wertschätzung, die wir verweigern. Eine achtlose Ausdrucksweise kann sich allerdings schnell verselbstständigen und eigentlich anders besetzte Begriffe tauchen in neuem Kontext auf.

So verhält es sich, wenn sich Metaphern und Begriffe aus der Kriegsrhetorik plötzlich wie selbstverständlich in unserer Umgangssprache wiederfinden und „Bombe“ auf einmal sinngemäß „toll“ bedeutet. Wir bemerken es schon gar nicht mehr, dass wir zu oft Begriffe verwenden, die unbewusst negative Auswirkungen auf uns haben.
Allgemein lässt sich beobachten, dass die Sprache in der medizinischen Auseinandersetzung von unqualifizierten Formulierungen dieser Art geprägt ist. Bei Erkrankungen oder Beschwerden, die die Körpermechanik betreffen wie Gelenke, ganze Gliedmaßen und insbesondere dem Rücken wird das Wort „kaputt“ außergewöhnlich oft verwendet. „Rücken kaputt“, „Bandscheibe kaputt, was nun?“ oder „Wenn die Stoßdämpfer kaputt sind“ sind Beispiele für Internet-Beiträge zum Thema Rücken. Man gewinnt den Eindruck als handele es sich um Aussagen aus einer Kfz-Werkstatt. Im Falle von Erkrankungen der inneren Organe ist der Ausdruck „kaputt“ im Gegensatz dazu nur sehr selten zu finden.

Wir alle sind aufgefordert, bei Formulierungen nicht nachlässig und gedankenlos zu sein, denn die Macht der Worte ist immens und Worte sind bereits Handlungen. Die Verantwortung des Arztes/der Ärztin ist es, auf die eigene Wortwahl bei der Diagnose und Behandlung zu achten. Die Verantwortung des Patienten/der Patientin ist es, den Arzt gegebenenfalls darauf hinzuweisen, dass seine Aussage nicht zielführend, sondern irritierend und verletzend ist. Marshall B. Rosenbergs Handlungskonzept „Gewaltfreie Kommunikation“ geht exakt auf diese gelernten Sprachmuster anderen und sich selbst gegenüber ein und versucht ihnen eine verbindende Kommunikation entgegenzusetzen. Im Verhältnis Arzt/Ärztin - Patient:in wäre ein auf Wertschätzung und gegenseitigem Respekt beruhender Dialog sicherlich hilfreich, um gemeinsam am Therapieerfolg zu arbeiten.  
 

Quellen

 Weitere Infos zum Thema findest Du im "Faktencheck Rücken" der Bertelsmann Stiftung


Bucherwähnung: Marshall B. Rosenberg, „Gewaltfreie Kommunikation"
Mehr zum Thema: https://de.wikipedia.org/wiki/Gewaltfreie_Kommunikation