Meinungsbildung in der Krankheit

Ärzte haben laut einer Studie aus dem Jahr 2013 den stärksten Einfluss auf Meinungen und Verhaltensorientierungen. Das gilt auch für Erwartungen zum Verlauf der Beschwerden. Eine weitere wissenschaftliche Studie zeigt, dass allgemeine Gesundheitskompetenz keineswegs zu einer besseren Informationssuche über Rückenschmerzen führt.

Die meisten Menschen agieren hier ziemlich hilflos und haben darüber hinaus auch Probleme die Informationen zu interpretieren und die richtige praktische Anwendung abzuleiten. Auch hier vertraut der Mensch eher dem Arzt/der Ärztin und interpretiert dessen Aussagen gerne so, wie es am bequemsten ins eigene Leben passt. Mach' das lieber nicht. Es geht allein um Deine Gesundheit, da solltest Du keine Mühe und keinen Aufwand scheuen, Dich so gut wie möglich schlau zu machen und Deinen gesunden Menschenverstand einzusetzen. Wahrscheinlich würdest Du, wenn es um Dein Kind ginge, viel kritischer hinterfragen, viel gründlicher recherchieren, viel genauer hingucken, was Ärztinnen und Ärzte Dir empfehlen. Auch wenn es viel Kraft kostet, wenn man selbst so stark durch Schmerzen in Mitleidenschaft gezogen ist, gib die Verantwortung für Deine Gesundheit nicht ab! Kümmer' Dich selbst darum, es steht Dir zu und Du bist es wert, die bestmögliche Behandlung zu erhalten.

Seit Anfang der 2000er existiert der Begriff „Patientenkompetenz“. Laut einem Fachartikel des Deutschen Ärzteblattes von 2004 ist „Patientenkompetenz die Fähigkeit, Anforderungen und Belastungen der Erkrankung zu bewältigen, selber Verantwortung zu übernehmen für die eigene Krankheit und den Umgang mit ihr, dabei auch persönliche Bedürfnisse zu berücksichtigen, Zielvorstellungen zu formulieren und aktiv anzustreben, die verfügbaren Ressourcen zu nutzen und Autonomie zu wahren.“
Verantwortung zu übernehmen, heißt hier konkret, auf Grundlage von erworbenem Wissen, eine Entscheidung für Deinen Krankheitsverlauf zu treffen.

Dem vorausgehend musst Du Dir erstmal aus einer Unmenge von bereitgestelltem Wissen eine fundierte Meinung bilden. Meinungsbildung funktioniert durch unser Denken, unser Wissen und unsere Erfahrung, und das oft unbewusst. Sich eine unabhängige Meinung zu bilden ist gar nicht so einfach. Spricht man mit Menschen aus dem direkten sozialen Umfeld, ist deren Meinung durch eigene Erfahrungen eingefärbt. Die Medien beeinflussen ebenfalls unsere Wahrnehmung, da sie uns nur bestimmte Informationen zugänglich machen. Auch im Internet sind die Informationen vorselektiert. Die Informationssuche in Lexika und Sachbüchern hingegen reduziert die Wissenslücken. Am häufigsten suchen die Menschen jedoch online, hier ist es angesichts der unterschiedlichen Qualitäten der Artikel indes schwieriger, einen klaren Standpunkt zu gewinnen.

Bezieh' ruhig alle Informationskanäle in Deine Meinungsbildung ein, aber sei Dir  bewusst, woher die Informationen stammen und wie Du sie wahrnimmst. Ich selbst habe einige Bücher zum Thema „Krankheitssymbolik“ und „OP ja oder nein“, ein Fachbuch über „Schmerzen“ und unzählige Online-Artikel über die Behandlung von  Bandscheibenvorfällen während meiner letzten Krankheitsphase gelesen. Ich bildete mir eine Meinung und ließ sie wieder fallen, ich lernte Neues, bekam Denkanstöße und ärgerte mich gleichermaßen über inhaltlich schlechte Beiträge. Was ich daraus für mich gewann, war, dass ich den Ärzten die richtigen Fragen stellen konnte. Ich kannte fast jeden Fachausdruck und die meisten Behandlungsverläufe sowie Operationsmethoden waren kein Neuland für mich. Als alles dann Knall auf Fall auf eine OP hinauslief, fühlte ich mich vorbereitet und weniger unsicher als 2002.

Es ist auch völlig egal, was andere Dir für gute Tipps geben, wenn Du das Gefühl hast, dass sie Dir nicht weiterhelfen. Eigne Dir so viel Wissen wie möglich an, damit Du die Entscheidung, was wann und wie mit Dir im Laufe der Behandlung geschieht, getrost aus dem Bauch heraus treffen kannst. Es geht dabei nicht darum, zu „kleinen Ärzten“ zu werden, sondern vielmehr, dass Du medizinische Entscheidungen nachvollziehen kannst. Wenn Du Dich gründlich belesen hast, Ärzten, Physiotherapeuten, Osteopathen usw. viele Fragen gestellt hast, dann wirst Du intuitiv die richtige Entscheidung pro oder contra Operation treffen. Vertrau' darauf.

Im Fachartikel des Deutschen Ärzteblattes heißt es ferner: „Eines allerdings ist Patientenkompetenz nicht, nämlich ein Ersatz für das Vertrauen des Patienten in seinen Arzt. Allerdings bedarf es nicht mehr des blinden Vertrauens: Der kompetente Patient in einer partnerschaftlichen Beziehung zum Arzt kann diesem sehend vertrauen.“ Wenn Du die Argumentation Deiner Ärztin oder Deines Arztes auf Basis Deiner neu gewonnenen Kenntnisse plausibel findest, wunderbar. Du wirst vielleicht an den Punkt kommen, an dem Du Deinem:er Neurochirurgen:in vertrauen musst. Spätestens, wenn die Narkose vor der OP eingeleitet wird. Aber dann bist Du längst mit Deiner Entscheidung im Reinen und Du kannst Dich schon gedanklich auf die Zeit nach der Operation konzentrieren.

Quellen


https://www.aerzteblatt.de/archiv/43294/Stiftung-Patientenkompetenz-Zur-Eigenverantwortung-befaehigen
Geir Kirkebøen, Erik Vasaasen und Karl Halvor Teigen (2011). Revisions and Regret: The Cost of Changing your Mind. Journal of Behavioral Decision Making. 
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/bdm.756
Justin Kruger, Derrick Wirtz und Dale Miller (2005). Counterfactual thinking and the first instinct fallacy. Journal of Personality and Social Psychology, Band 88, Nummer 5, Seite 725–735. 
www.bertelsmann-stiftung.de/StudieVV_FC_Ruecken_Befragung.pdf